Faule Kredite: Mario Draghi ist aus dem Dornröschen-Schlaf erwacht

Kolumne von Debitos-Geschäftsführer Timur Peters

Mario Draghi forderte die Banken der Euro-Zone gerade wieder zu einem schnellen Abbau fauler Kredite auf. Die EZB erhöht den Druck auf die europäischen Geldinstitute, dabei hat vor allem die Bankenaufsicht selbst das Thema jahrelang verschlafen.

Wer sich schon länger mit Non-Performing Loans beschäftigt, dem dürfte die aktuelle Forderung von Mario Draghi wie ein Déjà-vu vorkommen. 2016 wies der EZB-Chefaufseher das erste Mal auf den hohen Bestand in den Bilanzen der europäischen Kreditinstitute hin. Und seither nimmt er nahezu jede Gelegenheit wahr, um über sein aktuelles Lieblingsthema zu sprechen. Kritiker sagen allerdings zurecht, dass die EZB viel zu spät auf die NPL-Problematik reagiert hat – das Kind ist schon längst in den Brunnen gefallen.

Aktuell schlummern in den Bilanzen der EZB-beaufsichtigten Finanzinstitute faule Kredite im Wert von 800 Milliarden Euro. Der Wert der gesamten Bankbranche in Europa liegt laut einer aktuellen Studie von PwC deutlich über der 1-Billionen-Euro-Marke. Doch es kommt Bewegung in den Markt. Die beinahe schon gebetsmühlenartig wiederholten Mahnungen von höchster Ebene zeigen Wirkung; der Abbau der faulen Kredite geht voran, allerdings nur schleppend. Wenn sich die Entwicklung so fortsetzt, haben die europäischen Banken ihre Altlasten der letzten Finanzkrise möglicherweise in zehn bis fünfzehn Jahren im Griff.

Doch nicht alle Banken werden die Konsolidierung erleben, denn der Druck wird für einzelne Institute besonders im südeuropäischen Raum schon jetzt immer größer: Laut eines aktuellen EZB-Reports beträgt die durchschnittliche NPL-Quote in Italien momentan rund 12 Prozent. Das bedeutet, mehr als jeder zehnte Kredit gilt als illiquide, da er schon länger als 90 Tage nicht mehr bedient wurde. Doch Italien ist kein Einzelfall: Auch Irland (12,6), Portugal (19) und das Sorgenkind Griechenland (47) haben mit hohen Prozentsätzen an faulen Krediten zu kämpfen. Die Folge ist schnell erklärt: Die Bilanzen der Banken sind so stark belastet, dass keine weiteren Kredite vergeben werden können, was das Wirtschaftswachstum in den entsprechenden Ländern zusätzlich hemmt.

Die Bankenaufseher der EZB haben gerade einen Maßnahmenplan veröffentlicht, wie faule Kredite in Zukunft verhindert werden können. Das ist richtig und wichtig, doch was soll mit den NPLs geschehen, die im letzten Jahrzehnt in Europa entstanden sind? Zum Vergleich: In den USA lag die NPL-Quote 2009 bei etwa 5 Prozent; in der EU bei weniger als 3 Prozent. Ende 2016 waren in den Vereinigten Staaten nur noch etwa 1,3 Prozent der Kredite ausfallgefährdet; hier sind es aktuell knapp 5 Prozent. Europa hat das Thema vollkommen verschlafen, während in den USA in den vergangenen Jahren große Anstrengungen unternommen wurden, um Non-Performing Loans zu verwerten und die Bilanzen der Banken zu entlasten.

An der Verwertung der faulen Kredite zeigen Investoren, die sich auf den NPL-Kauf spezialisiert haben, großes Interesse. Denn in der aktuellen Niedrigzinsphase werden alternative Investmentformen wie Distressed Assets immer wichtiger. Der Kauf und Verkauf von NPLS hat sich in den vergangenen Jahren von der Öffentlichkeit fast unbemerkt zu einem lukrativen Spezialmarkt entwickelt. Voraussetzung ist aber, dass die europäischen Banken die Kreditportfolios auch zur Verfügung stellen und den Abschlag, der mit einem Verkauf einhergeht, akzeptieren. Doch in diesem Fall kann der Spatz in der Hand deutlich mehr Wert sein als die Taube auf dem Dach.

Denn bei vielen Banken in Europa ist das Verhältnis der NPLs zum Gesamtkapital gefährlich hoch. Erst im Sommer mussten die beiden altehrwürdigen italienischen Geldhäuser Veneto Banca und die Banca Popolare di Vicenza abgewickelt werden. Die spanische Krisenbank Banco Popular wurde von Santander übernommen – für den symbolischen Wert von einem Euro. Geht der Abbau der NPLs weiter so gemächlich voran, werden dies leider keine Einzelfälle bleiben.



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